release // #31s


Bild: #31s Cover // Tobias Teickner // Copyright

 
#31s ist zugleich der kürzeste Release unseres Labels als auch der mit den meisten Tracks. #31s ist das Ergebnis eines Experiments und Beitrag zur Debatte um Streaming in der Musikindustrie. Wie schon bei Releasing a Record, I am a Forest oder „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ laden wir mit #31s dazu ein, einen Blick hinter die Kulissen des Musikmachens zu werfen. Allerdings ist das Ergebnis dieses Mal keine Dokumentation des Veröffentlichungs-Prozesses, keine Öffnung der Produktion eines Albums und kein Film über unsere Arbeit – es ist Musik.

Wir haben unser musikalisches Netzwerk gebeten, Stücke zu schreiben, die eine Sekunde länger als nötig sind, um von Spotify ausgezahlt zu werden: genau 31 Sekunden. Mit dieser Playlist wollen wir die musikalische Seite der wirtschaftlichen Bedingungen des Streamings ausloten. #31s ist eine Vorschau darauf, welche Folgen Streaming für die Musik selbst haben kann.
 

 
2015 wurden über 2 Billionen Musikstücke online gestreamt. Das sind 2000 Milliarden Songs, etwa vier Mal so viel wie im Jahr zuvor und auch 2016 wird sich die Zahl gestreamter Musik wieder vervielfachen. Streaming ist längst der wichtigste Verbreitungsweg von Musik. Aber was macht das eigentlich mit der Musik selbst?
 

Speichermedien hinterlassen spuren

Bislang hat jedes Speicher- oder Verbreitungsmedium Spuren in der Musik und im Songwriting hinterlassen. So geben zum Beispiel die unterschiedlichen Durchmesser und Abspielgeschwindigkeiten von Schallplatten immer noch die Formate vor, nach denen Musik veröffentlicht und wahrgenommen wird: Singles, EPs und schließlich Alben mit 23 Minuten Spieldauer pro Seite. Obwohl Musikproduktion schon lange nicht mehr an diese Vorgaben physischer Tonträger gebunden ist, bleiben die Formate der Popmusik überraschend stabil. Dreieinhalb Minuten Spielzeit sind nach wie vor der formale Kern von populärer Musik und Voraussetzung für eine erfolgreiche Verbreitung, egal ob im Radio oder online.

Der US-amerikanische Songwriter und Musikprofessor Mike Errico hat 2015 in einem viel beachteten Text spekuliert, welche Folgen Streaming für die Gestalt von Popmusik haben könnte. Schließlich kennt Streaming keine technischen Grenzen im Hinblick auf Spielzeit und Format, wohl aber wirtschaftliche. Zwischen dem weltweiten Erfolg des Musik-Streamings und den Menschen, die Musik machen, klafft eine ökonomische Lücke: Während Spotify knapp 2 Milliarden Euro Umsatz macht, verdient der Urheber eines Songs zwischen 0,2 Cent und 0,9 Cent pro Stream-Abruf. Erricos verblüffend einfache These: Da Streaming-Anbieter nach 30 Sekunden Spielzeit das Honorar für einen Song ausschütten, könnten Musikstücke in Zukunft nur noch 30 Sekunden lang seien.
 

Künstlerische Beiträge zum Streaming

Dieses wirtschaftliche Ungleichverhältnis und Erricos These wurden bereits mehrfach künstlerisch thematisiert: Die englische Indie-Band “The Pocket Gods” hat 2015 ein Album mit 100 Stücken à 30 Sekunden veröfentlicht, um die Musikindustrie und die Streamingvergütung zu kritisieren – Und halten damit den offiziellen Weltrekord für das Digitalalbum mit den meisten Titeln! “Sleepify” (2014) von der US-Band “Vulfpeck” war eine weitere Kritik am Geschäftsmodell Spotifys. Die zehn Stücke von 31 und 32 Sekunden Länge beinhalteten nichts als Stille und sollten in Endlosschleife gespielt werden, um die schmalen Streaming-Tantiemen per kollektivem Abspiel-Crowdfunding zu erhöhen. Ähnlich funktionierte der Webservice “Eternify”: Auf der Seite konnte man den Namen einer Lieblingsband eingeben und der eingelassene Player spielt die Stücke dieses Acts in 30-Sekunden-Intervallen auf Wiederholung an. Beides wurde schließlich von Spotify unterbunden.

Inspiriert von diesen Projekten, mit denen wir auch in Kontakt stehen, wollen wir die musikalische Seite der wirtschaftlichen 30-Sekunden-Grenze ausloten. Wir baten deshalb unser musikalisches Netzwerk, Stücke zu schreiben, die 31 Sekunden lang sind.
 

Wie klingen 31 Sekunden?

Das Ergebnis zeigt, dass 31 Sekunden unterschiedlich lang sein können. Einige Arbeiten bringen in 31 Sekunden eine eigenständige Komposition unter, andere wiederum wirken fragmentarisch, wieder andere beschränken sich auf einen formalen Aspekt. Während “Lilabungalow” ein klassisches Requiem auf 31 Sekunden Piano reduziert, haben sich “DIN Martin” dafür entschieden, ihre 31 Sekunden für das perfekte Intro zu nutzen, ein funktionales Stück Musik, eine Art “Tool”. Das Fragmentarische zeichnet viele der Beiträge aus: Sie klingen wie ein Teil von etwas (scheinbar) Größerem und wirken wie der Ausschnitt eines Musters, das auf mehr angelegt ist.

Das liegt nicht nur an unseren Hörgewohnheiten, die auf die fünffache Spieldauer geeicht sind. Die Kompositionen verweisen in ihrem Hörerlebnis auf musikalische Verwandschaften des “Freemium”-Modells von Spotify: #31s erinnert an die Vorhör-Optionen bei iTunes und amazon. Auch funktionale Musikformate, wie Drop Ins, Jingles oder digitale Musikbibliotheken sind den 31-Sekündern ähnlicher, als das Lied und der Popsong. #31s zeigt zwar auch, dass es in 31 Sekunden möglich ist, Komplexitäten und Originalität zu veräußern. Das gelingt dann allerdings nicht als Abkürzung, sondern erfordert deutlich mehr Energie und Konzentration, als 0,002 Cent wert sind. Insgesamt bleibt in 31 Sekunden zu wenig Zeit, um einen Gedanken musikalisch wirklich auszuformulieren. Der Wert von Musik endet nicht nach 31 Sekunden, er steigt.



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