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Bild: Red apple core nine days // Roger Karlsson // CC BY 2.0

 
Wir hatten in der letzten Zeit immer mal wieder etwas zum Thema Streams geschrieben (1, 2). Vergangene Woche kündigte Apple dann erwartungsgemäß an, nun auch hier den Markt umkrempeln zu wollen. Bevor wir nach Cupertino schauen, noch einmal kurz der executive summary dieser beiden Artikel:

    * wir bekommen als Label zwischen 0,2 Cent und 0,9 Cent pro gestreamtem Song
    * bei Major-Labels werden davon nur etwa 25 % an die Künstler weitergeleitet
    * Sony hat sich derweil insgesamt 42.5 Millionen Dollar von Spotify vorauszahlen lassen
    * bislang schreibt kein Streaminganbieter schwarze Zahlen
    * Online-Streaming bricht die Strukturen der Musikindustrie nicht auf, es reproduziert sie

 

Apple als Streaminganbieter

Vor gut einem Jahr hat Apple Beats (ja, by Dre) gekauft, weil die wohl schon recht weit waren, einen eigenen Streamingdienst aufzusetzen. Oder wie Apple sagt: »Musik hatte schon immer einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen.« Ähh, ja. Und in euren Gewinn-Margen. Denn neben dem iPhone und dem iPad ist es vor allem der iTunes-Store, der Apple zum wertvollsten Unternehmen der Welt gemacht hat. Der Trick, mit dem iPod nicht nur ein Abspielgerät sondern auch gleich die Inhalte dazu zu verkaufen, hat das Unternehmen vom Hardware-Hersteller zum Inhaltehändler gemacht. Bis heute gehen 30 Cent von jedem Euro für Musik oder Serien aus dem iTunes-Store an Apple – bei 5 Milliarden Dollar Umsatz im Quartal. Apple hatte schon mit dem iPod, also vor den Smartphones, den Kunden nicht nur einmal ‚ein leeres Buch‘ verkauft, sondern kontinuierlich neue Seiten dazu.

Kein Wunder, dass man in Cupertino Angst vor Spotify haben musste: Wer im Monat für 10 Euro streamt, kauft keine mp3s für die drei- oder vierfache Summe. Und weil Apple es nicht unter Welterlösungsfantasien macht – und mit dem iTunes-Store und seinen Endgeräten schon eine marktmächtige Stellung hat – zielt man nun beim Einstieg gleich auf den Branchenprimus Spotify. Der soll mehr oder minder verdrängt werden. Zum einen gibt es Apple Music ab 1. Juli drei Monate lang kostenfrei zu testen, zum anderen hat Apple bei der Industrie mächtig Lobbyarbeit gegen Spotifys „Fremium“-Modell gemacht: Wenn man sich von Werbung nicht stören lässt, hat man bei Spotify Zugriff auf alle Titel, in der Form einzigartig.
 

Apple und die Indies

Das Angebot des Streamingdienstes ist aber nocht nicht ganz vollständig: „Nur“ etwa 30 Millionen Songs sind im Moment für Apple Music verfügbar. Es handelt sich dabei um die Titel von Bands der drei großen Label-Konzerne Sony, Universal und Warner. Die „fehlenden“ 13 Millionen Titel (im Vergleich zum Angebot es iTunes-Store für den Download) gehen vor allem auf Indie-Künstler zurück, an die Apple entweder noch gar nicht herangetreten ist – oder denen noch kein akzeptables Angebot unterbreitet wurde. So hat sich der britische Branchenverband erst kürzlich beschwert und offen gelassen, ob Acts wie Adele und die Artic Monkeys überhaupt an Apple Music teilnehmen werden: Der Deal wäre “completely screwed” und würde die Existenz der Indie-Labels gefährden.

Der Hintergrund ist, dass Apple zum einen während der kostenlosen Testphase auch kein Lizenzgebühren ausschütten will. Eine Ankündigung, die in der Konsequenz einmalig ist. So als würden die Kinos drei Monate lang kostenlos Filme zeigen und auch niemanden dafür bezahlen, um zu schauen, ob dadurch wieder mehr Leute kommen. Für uns Filmverleiher Musiker natürlich eine wahnwitzige Situation: Den Angriff eines Streaminganbieters auf einen Konkurrenten zwangsweise mitfinanzieren, weil man kein Geld für seine Musik bekommt.

Aber auch in der regulären Ausschüttung sieht es für Indies (erwartbar) nicht so gut aus, wir für die großen Verlagskonzerne. Letztere bekommen laut Aussage von Apple inklusive Verlagsanteil für den US-Markt wohl 73 % der Umsätze durch das Abomodell. Laut einem geleakten Vertragsangebot an Indie-Labels sollen diese etwa 15 % weniger (alledings auch ohne Verlagsanteil) bekommen.

Fazit für uns: es bleibt wohl dabei, dass das Streaming unabhängiger Musik einem massiven Druck der großen Contentkonzerne ausgesetzt ist, die bei den Anbietern einfach so knallharte Konditionen heraushandeln, dass für „uns unabhängige“ nur nicht überlebensfähige Angebote übrig bleiben. Wenn von analogsoul vorerst keine Musik bei Apple Music verfügbar sein sollte, wisst ihr wieso.
 
UPDATE I: (19.06.)
Der Branchenverband der deutschen Indielabels, der VUT, hat aufgrund der Situation gestern einen offenen Brief an die Apple-Chefetage veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: »Independents shouldn´t be the ones paying for your customer acquisition and the risk of the launch of your service. Instead, you should pay all partners as you did in the past. Apple used to be a highly valued partner of independent music companies and we´d like to see this relationship continue.«
 
UPDATE II: (22.06.)
Apple hat gestern anegkündigt, eine Vergütung für die dreimonatige Testphase anzubieten. Verlautbart hat das Eddy Cue, Apples Mann für den Streaming-Dienst, öffentlichkeitswirksam via Twitter offenbar in Reaktion auf einen Blogpost von Taylor Swift.


Während der Gratis-Probezeit sollen die Künstler nun zu einem nicht näher genannten Tarif pro Abruf ihrer Songs bezahlt werden. Für uns ändert sich in Sachen Informationspolitik (siehe Comments) und Skepsis gegnüber dem Erlösmodell vorerst nicht viel. Aber es ist natürlich schön, dass die vielen Reaktionen der vergangenen Wochen Apple zu einer Kurskorrektur gezwungen haben.



'news // APPLE MUSIC' have 3 comments

  1. 19. Juni 2015 @ 22:43 Wieland

    Eine gute Ana-lyse, aber was heißt das konkret für Analogsoul und deren Künstler? Bisher war es ja meistens so, dass ihr trotzdem eure Musik im Stream angeboten habt (vor allem mit der Idee hinter A Forest einer alternativen Währung). Ändert sich das nun mit Apple Music oder nehmt ihr das auch mit?

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    • 20. Juni 2015 @ 10:17 andreas

      Bislang hat unser Uploader, RecordJet, noch kein Angebot von Apple bekommen, unsere Musik dort einzustellen. Insbesondere für die kleineren Indielabels und Selbstvermarkter ist noch nicht klar, wie die Verträge aussehen. Deswegen können wir noch gar nicht sagen, ob / wie / wann wir unsere Releases dort einstellen. Ich denke aber, dass die wenigstens unserer Künstler Lust haben, ihre Musik drei Monate ohne Einnahmen dort zur Verfügung zu stellen. Aber ob / wie / wann man „nachmelden“ kann, wenn also das Ausschüttungsmodell auch läuft, können wir im Moment nicht sagen.

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  2. 24. Juni 2015 @ 11:55 Es ist Kultur, aber (Pt.2) | Basteiblog

    […] dass die Streamingdienste den Musikern nur 0,0007 Cent pro Stream auszahlen!). Das Leipziger Label Analogsoul hat dazu auch eine Meinung und keine Lust auf die Geschäftsgebaren von Birnle. Ob sie ihre Stücke auch dort streamen lassen […]

    Reply


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